Ekelhafte Festung Europa

In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Rundschau (05.12.2013) schreibt Nurrudin Farrah:

Es ist an der Zeit, dass die Europäer sich in die historische Situation zurückversetzen, in der sie selbst vor 100 oder mehr Jahren waren. Ich gehe davon aus, dass die Europäer die Migrationsgeschichte ihres Kontinentes nicht vergessen haben. Eine Geschichte, die unabänderlich mit Umsiedlungen und Vertreibungen an anderen Orten dieser Welt verknüpft ist. Die Geschichte von Millionen Europäern, die die Ozeane überquerten auf der Flucht vor Armut und Hungertod, mörderischen Kriegen, religiöser Verfolgung oder der sozialen Ungerechtigkeit. In Irland, Frankreich, Finnland, Norwegen, Italien oder England.“

http://www.fr-online.de/flucht-und-zuwanderung/fluechtlinge-gastbeitrag-europa-verraet-seine-geschichte,24931854,25529118.html

Wenn ich das lese, fällt mir zunächst folgendes ein:

Schade, dass die Indianer Nord- und Südamerikas „nach vernünftiger Abwägung aller Gründe“ nicht zwischen „Wirtschaftsflüchtlingen“ und politisch verfolgten Menschen unterschieden haben, als Europäer massenhaft zu ihnen kamen! Schade, dass sie nicht in der Lage waren, die „Wirtschaftsflüchtlinge“ wieder in ihre Schiffe zu setzen, um sie zurück nach Europa zu schicken! Schade, dass die wenigen Indianer, die den Völkermord überlebt haben, noch viel weniger zu einer solchen Aktion in der Lage sind.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts folgte in Europa Auswanderungswelle auf Auswanderungswelle. Menschen, die Armut und Elend entfliehen wollten hofften auf ein besseres Leben in der „neuen Welt.“ Einfach Land in Besitz nehmen, dass niemandem gehörte! Schöne Aussichten! Sich selbst eine Existenzgrundlage schaffen und zugleich eine „zivilisatorische Leistung“ vollbringen, das Land kultivieren. Zu dumm, dass es da diese lästigen, unzivilisierten Indianer gab. Die müssen aus nicht nachvollziehbaren Gründen diesen Kontinent schon eher „entdeckt“ haben.

In blutigen Kriegen und kraft erfolgreicher „Integrations- und Assimilierungsmaßnahmen“ – man war schnell Herr im Hause – wurden die Europäer aber leicht mit diesen „Barbaren“ fertig. Sieg auf der ganzen Linie.

So ist das mit dem bürgerlichen „Humanismus“. Er war immer exklusiv, galt nie für alle Menschen. Die erfolgreiche bürgerliche Revolution in Europa stellte sogleich klar, dass „Neger“, Indianer und Frauen schon mal nicht gemeint waren, wenn von Humanismus, Menschenrechten etc. die Rede war. Soweit Frauen, „Negern“, Indianern etc. ein Stück Humanismus und Gleichheit zuteil wurde, musste das gegen die politischen Gralshüter von Humanismus, Menschenrecht und Gleichheit in zähen Kämpfen durchgesetzt werden. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für die einheimischen „Barbaren“, die nicht durch Flucht in die „neue Welt“ ihrem Elend zu entgehen suchten: die immer größer werdende Masse der im Elend lebenden LohnarbeiterInnen. Auch sie – die nötig waren für den Erhalt und die Vermehrung des Eigentums der besitzenden Klassen – mussten jedes bisschen Humanismus, Menschenrecht und Gleichheit erkämpfen – gegen die politischen Vertreter und Schützer von staatlich „garantiertem“ Humanismus und und staatlich „garantierter“ Gleichheit. Sie mussten sich organisieren Widerstand leisten und ihren elementaren Lebensinteressen in teils blutigen Auseinandersetzungen Geltung verschaffen.

Die bürgerlich-humanistische Welt von Menschenrecht und Gleichheit ist eine Welt des Privateigentums. Eigentum verpflichtet! Es verpflichtet zum Selbsterhalt und zur Selbstvermehrung. Humanismus, Menschenrecht und Gleichheit ja … solange Erhalt und Vermehrung von Privateigentum nicht in Frage gestellt ist oder nicht behindert werden.

Mit „Vernunft“ und Kalkül unterscheiden die Herrschenden in Europa nach märchenhafter Logik:

Die guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Die Guten, das sind die politische Verfolgten und die Qualifizierten, die man brauchen kann zum Erhalt und zur Mehrung des Privateigentums. Die Schlechten, das sind die „Wirtschaftsflüchtlinge, die vor Armut und Elend fliehen. Sie bedrohen „unseren Reichtum“.

Die Festung, die gegen diese Flüchtlinge errichtet wird, steht jedoch auf wackeligem Untergrund. Die Mehrung „unseres Reichtums“, die Anhäufung von Kapital geht nämlich einher mit der Untergrabung der Lebensgrundlagen von immer mehr Menschen, nicht nur in Afrika. Überall wird alte Subsistenzproduktion und kleine Warenproduktion für lokale, regionale Märkte untergraben, ohne dass an die Stelle dieser Produktions- und Reproduktionsweisen in großem Umfang die „segensreiche“ Lohnarbeit treten würde. Die Armut nimmt weltweit zu und damit nimmt auch die Zahl der Menschen zu, die versuchen vor Armut und Elend zu fliehen. Es ist eine Armut, die darauf beruht, dass die Grundlagen der alten Produktions- und Reproduktionsweisen zerstört sind und die Menschen für die neue, kapitalistische Produktionsweise nicht benötigt werden.

Selbstverständlich lässt sich diese Armut und dieses Elend nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass die hochentwickelten kapitalistischen Länder alle „Wirtschaftsflüchtlinge“ aufnehmen und ihnen Lohnarbeitsplätze geboten werden. Das geht schon deshalb nicht, weil das Kapital auch hier immer mehr Leute „freisetzt“ oder sie nur noch zu Löhnen beschäftigen kann, von denen sie nicht leben können. Der Schutzwall gegen die „Wirtschaftsflüchtlinge“ wird aber genauso wenig funktionieren. Es werden immer mehr und der Migrationsdruck wird damit steigen. Unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise gibt es grundsätzlich keine Möglichkeit, dem Elend und der dadurch produzierten Migration ein Ende zu machen.

Dieser Schutzwall wird sich aber nicht nur als erfolglos erweisen, er ist außerdem stockreaktionär, inhuman und gehört geschliffen! Leute, die diesen Schutzwall verteidigen und rechtfertigen verursachen bei mir einen Brechreiz. Leider gibt es auch davon zu viele, so dass es kaum gehen könnte, sie in ein Schiff oder ein Flugzeug zu verfrachten, um sie dahin zu schicken, wo sie hingehören. Das wäre jedenfalls ein Platz außerhalb der menschlichen Gesellschaft.

Leider ist im „kollektiven Gedächtnis“ der LohnarbeiterInnen Europas die Erinnerung an ihre eigene Geschichte des maßlosen Elends verloren gegangen, sonst gebe es eine gute Chance, die Festung Europa zu schleifen.

Peter Trotzig

Dezember 2013

TrotzigeTrotzigs Kommentare