Postwachstum, was ändert sich?

http://www.postwachstumsoekonimie.org/                          Befreiung vom Überfluss

Nico Paech und Werner Oncken organisieren schon seit Jahren Ringvorlesungen zur Postwachstumsökonomie. Immer werden interessante Aspekte der Postwachstumsökonomie beleuchtet, die von ausgezeichneten Referent_innen vorgetragen werden. Es ist eine verdienstvolle Aufgabe, sich gerade in der heutigen Zeit Gedanken um eine Alternative zum jetzigen Wirtschaftssystem zu machen. Paech zum Beispiel betreibt dies nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch mit Genossenschaftsarbeit.

Thematisch wird immer wieder die Bürgerbeteiligung in den Vordergrund gestellt: So treffen sich die Postökonom_innen mit den Ratsparteien in Oldenburg, die sich ebenso für eine Bürgerbeteiligung stark machen. Im Grunde wäre es eine fruchtbare Allianz, wenn die Parteien, die Universität und die Bürger_innen Debatten um die Zukunft Oldenburgs führten. Die berühmten „Väter“ sagen in Artikel 28 GG Absatz 2:  „Den Gemeinden muss das Recht gewährleistet sein, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln.“

Es erscheint mir daher wichtig, diese Debatten zu führen und auch einen Raum jenseits der Universität zu haben, wo dies stattfinden kann.                                                            Die Ansätze der Postwachstumsökonom_innen, ohne Wachstumsimperativ effizienter und auch ethisch vertretbar zu wirtschaften, sind für alle bemerkenswert.

„Die lange gehegte Hoffnung, dass wirtschaftliches Wachstum durch technischen Fortschritt nachhaltig oder klimafreundlich gestaltet werden kann, bröckelt.“ (http://www.postwachstumsoekonomie.org, Stand: 03.03.2012)

Im Aufsatz „Eine Ökonomie jenseits des Wachstums“ (In: Einblicke 49, Magazin der Universität Oldenburg) schreibt Paech: „Die Klima-, Ressourcen- und die aktuelle Finanzkrise belegen das Scheitern des auf Wachstum und Fremdversorgung basierenden Wohlstandsmodells.“

Welche Struktur liegt dem benannten „Wohlstandsmodell“ zugrunde?

Ist mit der Benennung der Fundamente „Wachstum“ und „Fremdversorgung“ das Wesentliche dieses Modells erfaßt? Profitieren alle gleichermaßen von und in ihm? Produktions- und Konsumtionsbedingungen: Wer produziert was? Es ist – bisher – nicht Sache der Bürger_innen der Kommunen, über die Warenproduktion zu bestimmen. Postwachstum daher nur, wenn deren Produkte profitabel sind. Produkions- und Konsumptionsbedingungen gehen einher mit Investitionsbedingungen. Wer baut Fabriken?

Paech dazu: „Absage an hohe Gewinnerwartungen“ Was wären niedrige? Warum überhaupt Gewinnerwartungen? Sind diese nicht eine Folge der von ihm kritisierten „Innovationsorientierung“ („EINE ÖKONOMIE JENSEITS DES WACHSTUMS“, 26)?

Zudem ist das Postulat „Eigenarbeit, (urbane) Subsistenz, Community-Gärten, Tauschringe, Netzwerke der Nachbarschaftshilfe, Verschenkmärkte, Einrichtungen zur Gemeinschaftsnutzung von Geräten/Werkzeugen etc. würden zu einer graduellen De-Globalisierung verhelfen[,]“ bereits als mehr oder weniger deutliche Kritik der Trennung von Produktionsmitteln und Arbeitskräften zu deuten.

„Die Alternative“ beachtet die Zwänge der Kapitalakkumulation und deren Konsequenzen für Arbeitnehmer_innen meiner Meinung nach noch nicht ausreichend. Sie geht lediglich von einer Kritik an den „Bumerangeffekten“ („EINE ÖKONOMIE JENSEITS DES WACHSTUMS“, 25) in einer expandierenden Ökonomie aus, laut derer eine eventuelle Ökologisierung der Produktion schnell neutralisiert wird.

Konsumgesellschaft – Was soll damit gesagt werden?

Bisher schwebt alles im luftleeren Raum. Wer ist es, der da was umverteilen soll?

Die Postwachstumsökonomie findet sich durch eine Kritik an derzeitigen Produktions- und gesellschaftlichen Bedingungen, wie

. Innovationsorientierung moderner Marktwirtschaften,

. das gegenwärtige Geld- und Zinssystem,

. hohe Gewinnerwartungen,

. ein auf globaler Arbeitsteilung beruhendes Modell der Fremdversorgung,

. eine Kultur der bedingungslosen Steigerung materieller Selbstverwirklichungsansprüche

definiert. – Wer aber ist das Subjekt dieser postulierten Änderungen?

Eine genossenschaftliche Organisation wäre eine denkbare Lösung:

Wenn sich in Oldenburg die Menschen zur Beratung der Bedarfe und Bräuche und der Umsetzung dieser Bedürfnisbefriedigung träfen, käme die Postwachstumsökonomie ein gutes Stück voran. Allerdings sollten die Bedarfe angemeldet sein/werden, und deren Deckung sollte organisiert werden. Die „Grundversorgung“, wie Essen, Trinken, Wohnung, Strom, Heizung, Schule, Öffentlicher Transport, muss gesichert sein. Heute ist die – trotz Wachstums – nicht der Fall.

Zumindest eine Investitionsneigung, die ausschließlich dem Zweck einer weiteren Profitmaximierung dient, ist in dieser Produktionsweise als gering anzusehen. Im Kapitalismus ist der Profit die treibende Kraft, von daher ist, umso mehr die Reproduktionsmittel (Lohn) gekürzt werden der Profit höher.   Auf alle Fälle muss dem eine demokratisch getroffene Entscheidung zugrunde liegen. Auch sollte die Alimentierung nicht über den Bedarf hinausgehen.

 Paech allerdings nimmt Demokratie in der Postwachstumsökonomie nicht sehr ernst. Auch erklärt sich seine mangelnde Analyse der bestehenden Ökonomie, wenn er schreibt: „Auch in einer Postwachstumsökonomie werden Märkte, Unternehmen, Geld, Konsumgüter und technische Innovationen benötigt – aber fern einer Kultur der Maßlosigkeit. Denn schließlich macht die Dosis das Gift. Auch das ist Ökonomie.“

 Er erläutert nicht die auf Unendlichkeit angelegte Systematik des bestehenden kapitalistischen Systems, als deren Produkt die Finanzkrise gesehen werden muss. Auch in „regionalen Ökonomien“ muss weiterhin vom Prinzip der Profitmaximierung ausgegangen werden, selbst wenn Tauschringe oder andere lokale Netzwerke einen vermeintlichen Absatzmarkt schmälern könnten.

 Es ist den Postökonom_innen dafür zu danken, solche Debatten angestoßen und geführt zu haben. Nun sollte eine Intensivierung dieser Debatten erfolgen. Zur Lektüre seien daher Manfred Sohn „Der dritte Anlauf“, Alex Demirovics „Rätedemokratie und das Ende der Politik“ (Prokla 155) sowie das „Bochumer Programm“ empfohlen.

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